Das Geräusch der Einsamkeit
Das Geräusch der Einsamkeit
Die Unruhe
»Titti, du Liebesgöttin, wach auf! Ich gehe zum Bäcker.«
Vittoria schwamm langsam nach oben, aus der Tiefe eines unruhigen Traums, und die Erinnerung daran, dass sie ins Büro musste, traf sie wie Treibgut. Erschrocken rollte sie sich unter der Decke zusammen. Sie war nackt. Mitten in der Nacht hatte Matteo sie geweckt und gesagt: »Mach mich gesund!« Hinterher hatte er ihr ein prächtiges Frühstück versprochen.
»Liebesgöttin«, wiederholte sie und ließ sich das Wort mit geschlossenen Augen auf der Zunge zergehen.
In der Küche war der Tisch bereits gedeckt, mehr ärmlich als prächtig. Keine Kerzen, keine Blumen, das Messer wie immer auf der verkehrten Seite. Er wird es nie lernen, dachte sie. Auf ihrem Teller lag ein Zettel. »Du warst toll«, stand darauf, in der Mitte eines großen Herzens, in einer runden, akkuraten Schrift. Sex und Schönheit, wie Faye gesagt hatte. Sie zerknüllte das Stück Papier und warf es weg. Matteo kam zurück, packte sie unter den Armen und stemmte sie hoch.
»Hoffentlich hast du nicht wieder meine Kartoffelbrötchen vergessen«, sagte sie, während er ihren Hals und ihre Brüste mit Küssen bedeckte.
Er ließ sie herunter, und das Licht in seinem Gesicht verschwand wie Wasser in einem Abfluss. »Natürlich nicht. Warum sagst du das?«
»Weil du am Samstag nicht daran gedacht hast. Darum.«
»Ich weiß, dass du mich für einen vergesslichen Stümper ohne Geschmack hältst. Am Samstag waren sie aber ausverkauft.« Er riss die Tüte auf und zeigte ihr die Brötchen. Vittoria setzte einen Topf mit Milch auf.
»Wenn ich mir den Tisch anschaue, ja, du bist vergesslich. Keine heiße Milch, keine Servietten. Und wenn ich mir die Wohnung anschaue, ja, du hast keinen Geschmack«, sagte sie und bemerkte nicht, wie er hinter ihrem Rücken eine Hand hob und sie schnell in die Hosentasche steckte.
»Du kannst es einfach nicht lassen, oder? Immer wieder fängst du damit an. Wenn es dir hier nicht gefällt, warum gehst du nicht? Ich glaube, es ist besser, wenn der geschmacklose Stümper heute unten frühstückt.«
»Von mir aus. Mir ist der Appetit sowieso vergangen.«
Sie nahm ihren Milchkaffee mit ins Schlafzimmer und setzte sich vor ihren antiken Frisiertisch mit Intarsien, der seit Samstag dort stehen durfte – eingezwängt zwischen einem Kleiderschrank und einer Kommode aus Furnierholz. Matteo hatte recht. Nichts passte mehr zusammen.
Ein Blick auf Leos französische Tischuhr aus dem 18. Jahrhundert, die sie aus Rache zusammen mit anderen Wertgegenständen aus seinem Haus mitgenommen hatte, zeigte, dass sie sich nicht beeilen musste. Die Zeit brauchte sie auch für das Ritual, das sie beruhigte und alles vergessen ließ.
Heute war sie so nervös, dass es ohne Wirkung blieb. Sie bekleckerte sich mit Wimperntusche, trug zu viel Rouge auf, verbrannte sich eine Haarsträhne mit dem Glätteisen. Außer dem weißen Leinenkleid, das sie sich auf Bali gekauft hatte, wollte nichts richtig sitzen. Kollege Di Biasi würden trotzdem die Augen herausfallen, und Kollegin Ciullo mit ihrer fleckigen Gesichtshaut, der hennaschwarzen Krause und den selbstgenähten Kleidern würde vor Neid erblassen. Der Kreislauf der Gewohnheit, der ihr Leben bestimmte, hatte sie wieder.
Bevor sie ging, warf sie einen Blick nach draußen. Grauer Nebel hing über allem, wie eine haarige Spinne. Sie war falsch angezogen. Na und? Bestimmt besserte sich das Wetter. Schließlich war es erst Mitte September.
Doch kaum hatte sie Frosolino verlassen, donnerte, stürmte und schüttete es. Nichts als triefendes Grün und beginnendes Herbstgelb. Sie musste an Bali denken. Jeden Tag Sonne, blauer Himmel, zitternde, heiße Luft. Es hätten zwei wunderschöne Wochen werden können. Eine einzige dumme Bemerkung über seine Tischmanieren hatte alles ruiniert.
Sie drückte aufs Gas, Matteo vor Augen, der ihr nicht verzeihen kann, der sie krank im Zimmer zurücklässt und an der Bar mit dieser jungen Einheimischen herumalbert. Matteo, der mit jungen Leuten taucht und Volleyball spielt. Matteos Blicke, plötzlich so bohrend, so forschend.
In der Nacht vor der Abreise hatte sie lange vor dem Spiegel im Bad gestanden und versucht, sich mit seinen Augen zu sehen, denselben Augen, die in der prallen Sonne das Gesicht dieses jungen Mädchens und ihres gesehen hatten.
Im Spiegel war aber nur eine begehrenswerte Frau in einem eleganten, freizügigen Kleid gewesen, die Wangen noch etwas erhitzt vom Tanzen. Sie war ständig aufgefordert worden. Ein attraktiver Franzose war derart zudringlich gewesen, dass seine Frau ihm eine Szene gemacht hatte. Nein, das Balimädchen konnte ihr nicht das Wasser reichen. Ein Dutzendgesicht, eine dumme Göre. Sie war nackt ins Bett geschlüpft, hatte sich an Matteo gepresst, und er war gleich über sie hergefallen, stumm, wütend, scharf wie eine Rasierklinge.
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